1. Medikamentensicherheit
Für Kardiologinnen und Kardiologen ist die Medikationshistorie wahrscheinlich einer der unmittelbarsten Vorteile.
Die ePA enthält bereits die elektronische Medikationsliste auf Grundlage der E-Rezepte. Der nächste Entwicklungsschritt ist der digital gestützte Medikationsprozess (dgMP) mit einer stärkeren Verknüpfung von E-Rezept, Medikationsliste und elektronischem Medikationsplan. Die Pilotierung dieser Ausbaustufe läuft seit Sommer 2026. (Gematik)
Das ist insbesondere bei kardiologischen Patientinnen und Patienten relevant, die häufig mehrere Medikamente einnehmen:
- Antikoagulanzien
- Thrombozytenaggregationshemmer
- Betablocker
- ACE-Hemmer/ARNI
- MRA
- SGLT2-Hemmer
- Statine
- Diuretika
- Antiarrhythmika
Gerade bei Polypharmazie kann die bessere Übersicht helfen, Wechselwirkungen und widersprüchliche Medikationsentscheidungen zu vermeiden.
2. Herzinsuffizienz
Hier sehe ich einen der größten zukünftigen Nutzen.
Ein Patient mit Herzinsuffizienz bewegt sich häufig zwischen:
Hausarzt → Kardiologe → Notaufnahme → Krankenhaus → Reha → Hausarzt → Kardiologe
Heute können Informationen zwischen diesen Sektoren noch fragmentiert sein.
Die ePA kann dagegen eine gemeinsame Informationsbasis schaffen:
Diagnose → Echo → Labor → Krankenhausaufenthalt → Medikation → Arztbrief → Reha → Verlauf
Gerade bei Herzinsuffizienz sind beispielsweise folgende Informationen fortlaufend relevant und Veränderungen zeitgebundene essentiell:
- LVEF
- NYHA-Klasse
- BNP/NT-proBNP
- Kreatinin/eGFR
- Kalium
- Blutdruck
- Gewicht
- relevante Komorbiditäten
- bisherige Hospitalisierungen
- aktuelle Herzinsuffizienzmedikation
- Dosierungen und Änderungen
- Implantation eines ICD/CRT
- relevante Rhythmusstörungen.
Damit kann die ePA perspektivisch von einem Dokumentenarchiv zu einem kardiologischen Verlaufssystem werden.
3. Kardiologische Diagnostik
Besonders interessant ist die weitere Strukturierung von:
EKG – Echokardiographie – CT – MRT – Katheterdiagnostik – Labor
Derzeit ist die ePA noch wesentlich stärker dokumentenorientiert. Die Weiterentwicklung geht aber in Richtung strukturierter medizinischer Informationen. Die gematik nennt ausdrücklich Labor- und Testergebnisse, Diagnosen und Prozeduren sowie bildgebende Diagnostik als wichtige Themen der Weiterentwicklung. (Gematik)
Das wäre für die Kardiologie entscheidend.
Ein Beispiel:
Ein Patient stellt sich mit Dyspnoe beim Kardiologen vor.
Statt nur einen alten Arztbrief zu finden, könnte zukünftig unmittelbar sichtbar sein:
Echo 2024: EF 35 %
Echo 2025: EF 42 %
Echo 2026: EF 50 %
NT-proBNP: Verlauf
eGFR: Verlauf
Medikation: Verlauf
Hospitalisierungen: Verlauf
Damit entsteht erstmals eine digitale kardiologische Krankheitsbiografie.
4. Notfallmedizin
Die ePA könnte bei einem akuten kardialen Ereignis besonders wertvoll sein.
Beispiel:
Ein Patient kommt mit Brustschmerzen in die Notaufnahme.
Idealerweise sind unmittelbar verfügbar:
- bekannte KHK
- frühere Myokardinfarkte
- Stents
- Bypassoperation
- Antikoagulation
- relevante Blutungen
- Nierenfunktion
- Allergien bzw. relevante Unverträglichkeiten
- frühere Herzkatheterbefunde
- relevante Echokardiographie
- aktuelle Medikation.
Gerade bei ACS, Vorhofflimmern, Herzinsuffizienz und Synkope kann die Geschwindigkeit des Informationszugriffs klinisch relevant sein.
Krankenhäuser sollen bereits in der vorstationären Aufnahme und bei Fallbesprechungen auf relevante ePA-Daten zugreifen können. (Gematik)
5. Bedeutung für Herzgruppen und kardiologische Rehabilitation
Für die kardiologische Rehabilitation auch bei der Herzgruppen-Anwendung ist die ePA ebenfalls sehr interessant.
Ein möglicher zukünftiger Informationsfluss wäre:
Akutklinik
↓
ePA
↓
Hausarzt/Kardiologe
↓
Herz-Reha
↓
Herzgruppe
↓
Langzeitprävention
Damit könnten beispielsweise Reha-relevante Informationen besser verfügbar sein:
- Diagnose
- Belastbarkeit
- EF
- Interventionen
- Medikation
- Risikofaktoren
- Trainingshinweise
- Reha-Bericht
- Verlauf.
Allerdings ist hier wichtig zu unterscheiden: Die ePA ist nicht automatisch ein vollständiges Rehabilitations- oder Herzgruppenregister. Ihr Nutzen hängt davon ab, welche Informationen strukturiert eingestellt werden und welche Zugriffsrechte bestehen.
6. ePA als Grundlage für personalisierte Kardiologie
Langfristig könnte die Entwicklung noch weiter gehen.
Die Kombination aus:
ePA + Wearables + Telemonitoring + KI + Labor + Bildgebung
könnte eine wesentlich kontinuierlichere kardiologische Versorgung ermöglichen.
Beispielsweise:
ePA
→ medizinische Historie
Wearable
→ Herzfrequenz, Aktivität, Rhythmus
Telemonitoring
→ Gewicht, Blutdruck, ggf. Device-Daten
Labor
→ Biomarker und Organfunktion
Bildgebung
→ strukturelle und funktionelle Veränderungen
KI
→ Mustererkennung und Risikostratifizierung
Das wäre ein wesentlicher Schritt von der bisherigen episodischen Kardiologie zu einer stärker longitudinalen, datenbasierten Kardiologie.
7. Aber: Die ePA ist nicht automatisch ein medizinischer Fortschritt
Hier sollte man bei einer kardiologischen Präsentation auch die Grenzen deutlich machen.
Chancen
- bessere Informationsverfügbarkeit
- weniger Doppeluntersuchungen
- bessere Medikationssicherheit
- bessere Kommunikation zwischen Sektoren
- schnellere Anamnese
- bessere Kontinuität
- bessere Dokumentation
- Grundlage für Forschung und KI
- Stärkung der Patientenbeteiligung.
Probleme
- unvollständige Daten
- unterschiedliche Software-Systeme
- fehlende Strukturierung medizinischer Informationen
- zusätzlicher Dokumentationsaufwand
- Datenschutz und Zugriffsrechte
- technische Störungen
- unterschiedliche digitale Kompetenz
- Gefahr einer „Dokumentenflut“
- Informationen sind nicht automatisch klinisch priorisiert.
Das zentrale Problem lautet daher nicht mehr nur: „Sind die Daten digital?“
Sondern:
„Sind die richtigen kardiologischen Informationen zur richtigen Zeit in strukturierter und klinisch verwertbarer Form verfügbar?“
Das ist meines Erachtens die entscheidende Frage für die nächste Entwicklungsstufe der ePA.
8. Besonders spannend: der elektronische Medikationsplan 2026
Die Entwicklung im Jahr 2026 ist für die Kardiologie besonders relevant. Die ePA wird derzeit um einen elektronischen Medikationsplan und den digital gestützten Medikationsprozess erweitert. Dabei sollen E-Rezept, Medikationsliste und Medikationsplan stärker miteinander verbunden werden. (Gematik)
Damit verschiebt sich die ePA zunehmend von einem digitalen Ablageort zu einem aktiven Instrument der Versorgung.